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Nötige Härte
Bonusszene

Sloane
Fünf Jahre später

Es war ein wunderschöner Tag im Oktober mit strahlend blauem Himmel und angenehmer statt drückender Wärme. An Tagen wie diesen liebte ich es, in Florida zu leben.
Nur saß ich drinnen fest.
»Also gut«, sagte ich, löste den Blick vom Fenster weg und richtete ihn auf die Reihen der Viertklässler in meinem Klassenzimmer. »Wer kann mir den Unterschied zwischen einem rechtwinkligen und einem spitzwinkligen Dreieck erklären?«
Fünf Hände schossen in die Höhe. Dieses Jahr hatte ich eine angenehme Klasse mit lauter Ehrgeizlingen. Ich zeigte auf einen Jungen in der zweiten Reihe, der sich selten meldete. »Cody?«
»Ein rechtwinkliges Dreieck hat einen Winkel mit neunzig Grad«, sagte er und klang dabei nur ein bisschen unsicher. »Aber ein spitzwinkliges Dreieck hat drei Winkel, die alle kleiner als neunzig Grad sind.«
»Das ist richtig, Cody!« Ich wandte mich der Tafel an der Wand zu und zeichnete zwei Beispiele. »Mal sehen, ob du noch ein drittes kennst. Was ist ein stumpfwinkliges Dreieck?«
Cody runzelte konzentriert die Stirn. Schweigend warf ich ihm einen ermutigenden Blick zu.
»Bei dem einer der Winkel größer als neunzig Grad ist?« Am Ende erhob er die Stimme so, dass es nach einer Frage klang.
Ich schnippte mit den Fingern. »Volltreffer. Dafür kriegst du einen Stern auf dem Bonusblatt!«
»Ja!«, flüsterte er, als ich einen goldenen Stern von einem Bogen mit Aufklebern löste und neben seinem Namen auf dem Bonusblatt platzierte, ein Poster an der Wand, das anzeigte, wie viele Süßigkeiten jeder Schüler am Ende der Woche bekommen würde. Einige Kollegen verdrehten die Augen darüber, Süßes als Ansporn zu verwenden, aber ich hatte die Erfahrung gemacht, dass es wunderbar funktionierte. Jungen wie Cody meldeten sich meiner Meinung überhaupt nur deshalb.
Manchmal brauchten Kinder bloß einen kleinen Schubs in die richtige Richtung.
Wenige Minuten später läutete die Glocke. »Also gut! Anstellen zum Mittagessen. Ihr kennt die Reihenfolge. Wer zuerst?«
»Ich, Ms. Collins!«, rief Bella Helmuth.
»Zimmerlautstärke, Bella«, wies ich sie sanft zurecht. Wir bildeten die Reihe in alphabetischer Ordnung, wechselten aber jede Woche durch, wer den vordersten Platz einnahm. Zu meinem Glück hatte ich vierunddreißig Kinder in der Klasse, und die Schule dauerte sechsunddreißig Wochen, was wunderbar zusammenpasste. Im Oktober waren wir bei den Nachnamen mit H angelangt.
Ich führte die Klasse durch den Flur, um zwei Ecken und in die Cafeteria. Nachdem ich sie an eine der Aufsichtspersonen übergeben hatte, seufzte ich erleichtert und kehrte ins Klassenzimmer zu meinem eigenen Mittagessen zurück.
Als ich dort eintraf, betrachtete ein großer, breitschultriger Mann mit von der Sonne ausgebleichtem braunem Haar das Bonusblatt. »Cody hat diese Woche ’nen Stern gekriegt?«, fragte Logan. »Hast du nicht gesagt, er gehört zu den schüchternen Kindern?«
»Ja! Er hat heute drei Fragen über Dreiecke beantwortet!«
»Pah. Ich wette, ich weiß viel mehr über Dreiecke als Cody.«
Ich löste einen Stern von dem Blatt und klebte ihn auf seine Stirn. »Zufrieden?«
»Der Schuss geht nach hinten los«, sagte er und zeigte auf seine Stirn. »Den behalte ich den ganzen Tag.«
Er grinste und küsste mich. »Was machst du eigentlich hier?«
»Mich mit der Frau, die ich liebe, zum Mittagessen treffen«, erwiderte er.
»Na, dann hast du mit der mysteriösen Frau hoffentlich eine schöne Zeit«, gab ich zurück. »Ich muss Arbeiten benoten.«
»Ach, komm schon. Ich bin ganze fünf Minuten gefahren, um herzukommen. Iss mit mir zu Mittag. Die Arbeiten können bis heute Abend warten.«
»Heute Abend?«, hakte ich nach. »Wenn wir vom Spiel nach Hause kommen?«
»Na gut«, räumte er ein. »Vielleicht bis morgen. Ich steh früh auf und helfe dir beim Benoten. Ganz lieb bitte?«
Ich schnappte mir meine Essenstüte und führte ihn aus dem Klassenzimmer – ohne den Stapel der zu benotenden Arbeiten. »Du lenkst mich ab.«
»Früher hat dich das nie gestört!«
Während wir auf dem Pausenhof aßen, lachten wir beide. »Wen feuerst du heute Abend an?«, fragte mich Logan schließlich.
»Ich hoffe einfach auf ein gutes Spiel«, antwortete ich.
Logan sah mich mit zu Schlitzen verengten Augen an, als wollte er mir die Antwort von den Lippen zerren.
»Die Buccaneers haben die Chance, ihre Division zu gewinnen!«, argumentierte ich und fühlte mich schuldig. »Die Falcons sind bereits aus dem Rennen.«
»Richtige Antwort«, sagte er. »Trotzdem sage ich Roman, dass du gegen ihn hältst.«
»Nein! Bitte nicht! Du weißt, wie persönlich er so was nimmt.«
Logan zog eine Braue hoch. »Ich bin offen für Bestechung.«
Ich sah mich um, bevor ich die Stimme senkte. »Erpresst du gerade sexuelle Gefälligkeiten von mir?«
»Kluges Köpfchen«, lobte er grinsend. »Solltest Lehrerin werden.«
Ich beugte mich zu ihm und küsste ihn. »Du warst immer neidisch darauf, dass Knox und ich es mal in einem Klassenzimmer an der Westview getrieben haben.«
Logan sah auf die Armbanduhr. »Wir haben zwanzig Minuten, bevor die Kinder vom Mittagessen zurückkommen.«
»Was machen wir mit den neunzehn Minuten danach?«, zog ich ihn auf.
Logan lachte auf, bevor in seine Augen ein verschmitztes Funkeln trat, als würde er mich jeden Moment zurück in mein Klassenzimmer schleifen. Dann jedoch klingelte mein Smartphone auf dem Tisch.
»Hat mir besser gefallen, als du noch ein Klapphandy hattest«, murmelte Logan.
»Mir auch. Aber die Schule verlangt es.« Ich seufzte über die Nachricht auf dem Display. »Muss los. Zwei meiner Schülerinnen sind beim Mittagessen aneinandergeraten. Wir sehen uns heute Abend.«
»Für die Bestechung«, fragte Logan, »oder zum Spiel?«
»Wenn du’s richtig anstellst«, antwortete ich und küsste ihn auf die Wange, »geht sich vielleicht beides aus.«
Der restliche Arbeitstag nervte, weil ich wegen des Streits die Eltern der beiden Mädchen kontaktieren und einen Termin mit ihnen vereinbaren musste. Obwohl sich der Zwischenfall beim Mittagessen ereignet hatte, waren sie meine Kinder.
Meine Kinder. An diesem Tag jagten mir die Worte einen Schauder über den Rücken. Einen freudigen.
Wir lebten immer noch in dem Haus, das Knox vor fünf Jahren mit seiner Vertragsprämie gekauft hatte, einer riesigen dreigeschossigen Villa direkt am Wasser. Knox’ Auto war nicht da. Wie ich wusste, war er bereits in Tampa. Logan räumte gerade die Küche auf und hörte dabei mit seinen Kopfhörern Musik. Er tanzte um die Kochinsel herum, während er die Arbeitsflächen abwischte.
Roman lebte während der Saison in Atlanta. Anfangs war es schwierig, aber wir hatten es hinbekommen. Dadurch wurde die in der Nebensaison zusammen verbrachte Zeit umso spezieller. Außerdem hielten mich meine beiden anderen Partner die meiste Zeit ausreichend auf Trab.
Als Logan mich bemerkte, hob er eine Seite des Kopfhörers vom Ohr. »Was für ein Trikot ziehst du an?«
»Keines«, antwortete ich. »Aber wie ich sehe, steckst du schon in deinem Maddox-Buccaneers-Shirt.«
»Scheiße, ja«, bestätigte Logan. »Roman weiß, wo ich stehe. Immerhin war ich drei Jahre lang im Practice Squad der Buccaneers.«
Nachdem wir ein paar kleine Aufgaben im Haus erledigt hatten, fuhren wir nach Norden zum Spiel in Tampa. Knox’ Eltern warteten bereits in unserer privaten Loge. Sie runzelten die Stirn, als sie mich erblickten.
»Kein Trikot?«, fragte Darlene.
»Sie ist neutral«, merkte Robert schmunzelnd an.
»Ich bin neutral. Heute zumindest«, fügte ich hinzu. »Aber unter uns ... ihr wisst ja, wem ich die Daumen drücke.«
»Die Bucs sind Sieganwärter!«, rief Robert. »Die Falcons sind schon aus dem Rennen.«
Ich zeigte auf ihn und zwinkerte. »Ich hole uns Drinks.«
Als ich die Bar erreichte, achtete ich darauf, dass die anderen mich nicht beachteten, bevor ich einen Gin Tonic und ein gewöhnliches Ginger Ale in einem Glas mit Eis bestellte. Ersteres reichte ich Logan, während ich langsam an Letzterem nippte und hoffte, niemand würde es bemerken.
»Das Spiel geht los«, verkündete Robert. »Wenn Roman es wagt, Knox zu verletzen ...«
»Das würde er nicht«, fiel ich ihm ins Wort. »Jedenfalls nicht absichtlich.«
»Hm«, brummte Logan.
Romans letztes Jahr an der Westview war für ihn zur Durchbruchsaison geworden. Er hatte mehrere Rekorde der Uni an Sacks, gesicherten Fumbles und Tackles eingestellt. Das hatte ihm genug Aufmerksamkeit verschafft, um in der letzten Runde des NFL-Drafts von den Falcons rekrutiert zu werden. Dort hatte er hart gearbeitet und sich eine Position in der Startformation der Mannschaft erkämpft. Er war von Jahr zu Jahr besser geworden. Und obwohl die Falcons insgesamt schlecht abgeschnitten hatten, galt Roman als Favorit im Rennen um die Auszeichnung zum NFL-Defensivspieler des Jahres.
Kaum war mir der Gedanke durch den Kopf gegangen, pflügte er zwischen zwei Spielern der Buccaneers hindurch und riss Knox mit ausgebreiteten Armen zu Boden.
Alle in unserer Loge schnappten nach Luft.
Roman stand auf und starrte auf Knox hinab wie ein Gladiator, der seinem Gegner den Garaus machen wollte. Dann streckte er die Hand aus, um Knox aufzuhelfen ... zog sie jedoch im letzten Moment zurück und ließ Knox auf den Hintern plumpsen. Allerdings war es nicht böse gemeint. Knox sprang auf, versetzte Roman einen verspielten Stoß, und beide lachten.
»Diese beiden waren Mitbewohner am College«, erklärte der Kommentator im Fernseher der Loge. »Und in der Nebensaison lebt Langford bei Maddox.«
»Ein Jux unter Mitbewohnern«, meinte der Co-Kommentator.
Ich lächelte. Durch ihre Beziehung zu mir waren sie weitaus mehr als Mitbewohner.
Plötzlich nahm Darlene mich am Arm und zog mich in einen stillen Winkel der Loge. »Wie lange weißt du es schon?«, fragte sie.
»Ich, äh ... was?«, stammelte ich.
Sie zeigte mit einem Finger auf mein Gesicht. »Verkauf mich nicht für dumm. Ich kann ein Geheimnis für mich behalten.«
Eigentlich hatte ich es noch niemandem sagen wollen, doch irgendwie hatte sie es gemerkt. Ich beschloss, es nicht zu leugnen. »Seit acht Wochen.«
Ein freudig-schriller Laut rutschte ihr heraus. Rasch klatschte sie sich die Hand auf den Mund und dämpfte ihn. »Wird auch langsam Zeit!«, flüsterte sie mir strahlend lächelnd zu. »Weißt du, Bob und ich werden nicht ewig leben!«
»Ich will bis zum zweiten Trimester warten, bevor ich es jemandem sage«, gab ich leise zurück. Logan war draußen und verfolgte mit Robert das Spiel. »Und Darlene ... da ist noch etwas, das du wissen solltest. Der Vater ... Ich weiß nicht, ob es Knox ist oder ...«
Ich geriet ins Stocken. Wie teilte man einer Frau mit, dass man nicht sicher war, ob ihr Sohn einen geschwängert hatte oder einer seiner besten Freunde?
»Ist doch scheißegal!«, sagte sie schroff. Sie benutzte so selten Schimpfworte, dass sie mich damit verblüffte. »Wir alle unterstützen eure Beziehung und haben gewusst, dass so ein Fall eintreten könnte. Mir ist das egal. Ich möchte einfach ein Enkelkind in den Armen halten, solange ich es noch kann!« Sie schaute nach draußen. »Logan weiß es nicht?«
»Nein, und die anderen auch nicht«, betonte ich. »Ich will nichts beschreien, weil es mein Erstes ist ...«
»Was beschreien?«, fragte Logan, als er mit Robert in die Loge zurückkehrte. Logan hatte ein Club-Sandwich in der Hand.
»Die Bucs mussten punten«, brummelte Robert. »Mieser Start. Wenn sie das Spiel verlieren ...«
Aber Logan starrte mich eindringlich an. »Was beschreien, Sloane?«
Zig Ausflüchte kamen mir in den Sinn. Keine davon fühlte sich richtig an. Bei Logan gelang es mir nie, ihn zu belügen – im Gegensatz zu den anderen schien er mich immer auf Anhieb zu durchschauen.
»Logan«, sagte ich und spürte Darlenes Blick auf mir. »Ich ... bin schwanger.«
Bisher hatte ich die Worte noch nicht laut ausgesprochen. Plötzlich fühlte es sich real an, sehr real. Ein Schauder durchlief mich. Ich holte tief Luft und schaute zu Logan auf.
»Du ... Wir ...« Er blinzelte heftig. »Ich werde Vater?«
Ich nickte.
»OH ... SCHEISSE, JA!«, rief Logan und geriet völlig aus dem Häuschen. »Wir kriegen ein Baby!«
Er warf das Sandwich zu Boden wie einen Football, bevor er mich innig umarmte. Plötzlich ließ er mich los und stieß hervor: »Mist. Sorry. Hab ich dich zu fest umarmt?«
»Ich bin nicht zerbrechlich, Logan«, sagte ich. »Es sind erst acht Wochen. Roman und Knox hab ich bisher nichts gesagt.«
Durch die Neuigkeit jubelte er nur noch ausgelassener. Er streckte beide Fäuste in die Luft, als feierte er einen Touchdown. »Ich hab’s als Erster erfahren! Ich bin der Beste! Kann’s kaum erwarten, es Knox und Roman unter die Nase zu reiben. Können wir dafür in ’nen besonders noblen Schuppen gehen? Beide spielen in der NFL. Ich kann sie sonst nie bei irgendwas übertrumpfen. Vergiss das. Wird’s ein Junge? Oder ein Mädchen? Egal. Ich freu mich so oder so. Darlene, hast du das gehört? Ich werde Vater! Und Knox auch! Wir brauchen Schampus. Scheiße, den darfst du ja nicht trinken. Was ist in deinem Glas, Sloane? Du weißt, dass du nichts trinken darfst, oder?«
Robert legte ihm die Hand auf den Rücken. »Ich denke, das ist ihr klar, Junge.«
»Bob ist nicht so ausgeflippt, als er erfahren hat, dass ich schwanger war«, verriet mir Darlene. »Du hast Glück, Sloane. In deiner Familie herrscht so viel Liebe.«
Ich hatte wirklich Glück. Und als ich beobachtete, wie Logan erneut die Faust in die Luft streckte und den Barkeeper auf die Wange küsste, bekam ich es bestätigt.

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New Release:
Hat Trick

I’m the new physical trainer for the Atlanta Reapers hockey team.
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