Dreierteam
Bonusszene

Juliana
Acht Jahre später

Ich stand vor dem Spiegel und drehte mich hin und her, um das Kleid zu bewundern. Obwohl ich es zuletzt vor einem Jahrzehnt getragen hatte, füllten meine Kurven es immer noch gerade richtig aus. 
»Verdammt, seh ich gut aus«, murmelte ich.
»Kann man wohl sagen.«
Als ich mich umdrehte, stand Donovan wartend an der Tür. Er trug den gleichen schwarzen Smoking wie immer an solchen Abenden. Ein Smoking, der mich jedes Mal wieder vor Erregung schaudern ließ. Donovan war ein zum Niederknien gutaussehender Mann.
Er lehnte sich gegen den Türrahmen. »In dem Kleid hab ich dich noch nie gesehen, oder, Jules?«
»Du nicht«, bestätigte ich. »Aber Michael dürfte es erkennen.«
»Oh, also ist es für Michael.« Ein Lächeln umspielte seine Lippen. »Verstehe. Dann höre ich lieber auf, dich mit den Augen zu ficken.«
Ich wölbte den Rücken durch und streckte die Arme über den Kopf. »Unsinn. Wie alles an mir ist auch das Kleid zum Teilen für euch drei gedacht.« Ich winkte ihn mit einem Fingerzeig zu mir. »Und warum nur mit den Augen, wenn du’s auch richtig machen kannst?«
Er gab eine unheimlich schneidige Figur ab, als er mit den Händen in den Hosentaschen auf mich zuschlenderte. »Na ja, ich will das Kleid nicht ruinieren, bevor die anderen dich darin sehen.«
»Würdest du bestimmt.« Ich schlang die Hände um seinen Nacken und kraulte ihm mit den Fingernägeln den Hinterkopf, wie er es liebte. »Du würdest mich heute Abend gern ganz für dich allein haben.«
Sein Lächeln verriet mir, dass ich recht hatte. »Wenn du darauf bestehst ...«
Unsere Lippen hatten sich noch kaum berührt, als zornig stapfende Schritte durch den Flur dröhnten. »Ma, sag Brandi, sie soll teilen! Ma!«
Wir zuckten beide zusammen wie Eltern, die für einen kurzen Moment vergessen hatten, dass sie nicht allein waren. »Das war’s mit dem Spaß«, kommentierte Donovan.
Ich drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen, bevor ich die Stimme erhob. »Brandi, was haben wir übers Teilen gesagt?«
Zwei unserer vier Kinder kamen ins Schlafzimmer gestampft. »Pfui!«, stieß Brandi hervor, als sie sah, dass wir uns umarmten. Sie war dreizehn – alt genug, dass sie selbst die harmlosesten Zuneigungsbekundungen anwiderten.
Cali war zu sehr auf ihre Beschwerde fixiert, um darauf zu achten. »Ma! Brandi teilt nicht!«
Brandi wirbelte zu ihr herum. »Als ich mein Lego das letzte Mal mit dir geteilt hab, hast du’s ruiniert!«
»Hab ich nicht«, entgegnete Cali nüchtern. »Ich hab was damit gebaut.«
»Dein blöder Laster interessiert mich nicht!«, rief Brandi. »Ich wollte ein Haus bauen!«
Cali verdrehte die Augen und sah uns an. »Es war kein Laster. Es war ein gepanzerter Mannschaftstransporter. So einer, mit dem Daddy früher gefahren ist.«
»Er ist bescheuert«, sagte Brandi.
Ich wartete, bis sie beide ihre Klagen losgeworden waren. In den sechs Jahren seit Brandis Adoption hatten wir gelernt, sie ausreden zu lassen, bevor wir versuchten, diplomatisch einzugreifen. In ihrem Alter musste man täglich mit launischem Verhalten rechnen.
»Wir haben euch beide so viel Lego gekauft, dass es kaum noch Platz im Haus hat«, erklärte Donovan geduldig. »Unsere einzige Bedingung war, dass ihr teilt.«
Cali verschränkte die Arme vor der Brust und schaute selbstgefällig drein.
»Das heißt aber nicht, dass du alles von Brandi verwenden darfst«, stellte ich klar. Der selbstgefällige Ausdruck verschwand. »Es ist mehr als genug für euch beide da.«
»Aber Ma ...«
»Wenn ich noch ein Wort von euch höre, schließen wir das Spielzeugzimmer ab, während wir weg sind«, warnte Donovan. »Dann könnt ihr den Abend stattdessen mit Hausaufgaben verbringen.«
»Die Idee gefällt mir«, sagte ich.
Die Drohung erfüllte ihren Zweck. Plötzlich gaben sich beide Mädchen entschuldigend und versöhnlich und versprachen, miteinander zu teilen. Donovan und ich lächelten uns gegenseitig an, als sie gingen und wir uns fertig machten.
Unten im Wohnzimmer spielten unsere Jungs leise zusammen Videospiele. Trevor war elf, Ernie zehn. Beide konzentrierten sich zu sehr auf ihr Spiel, um zu streiten. Sie nahmen es kaum wahr, als wir sie zum Abschied umarmten und küssten.
»Um halb zehn ist Schlafenszeit«, sagte ich und griff mir meiner Handtasche. Ich hielt mein Handy hoch. »Wenn ich danach noch Datenverkehr sehe ...«
Ich musste den Satz nicht mal beenden. »Halb zehn. Schlafenszeit«, wiederholte Trevor, der sich immer an die Regeln hielt. »Geht klar, Ma!«
»Halb zehn«, murmelte Ernie, während seine Daumen rasant den Gamecontroller bedienten.
Eigentlich war es fast unfair, dass sie als Mutter eine Hackerin hatten, die ihren Internetzugang sperren und alle sonstigen elektronischen Aktivitäten überwachen konnte. Ein Teil von mir bedauerte beinah, dass sie nie den Kick erleben würden, mitten in der Nacht, wenn alle anderen schliefen, eine Porno-Website aufzurufen. 
Aber ein weitaus größerer Teil von mir war froh, dass ich es verhindern konnte. Dafür würde noch genug Zeit sein, wenn sie älter wären.
Nach Calis Adoption hatte es sich natürlich angefühlt, weitere Brüder und Schwestern für sie zu adoptieren. Meine Mutter hatte mich dafür ausgelacht, dass ich meine »gebärfähigen Hüften« nicht nutze. Aber ich verspürte nicht die geringste Lust, ein eigenes Kind auszutragen. Dafür gab es zu viele Waisenkinder auf der Welt, wie wir auf unseren Reisen gesehen hatten. So fühlte es sich besser an.
Unsere Familie ähnelte einer Söldnertruppe. Wir holten immer neue Mitglieder dazu.
Donovan und ich stiegen in seinen 4Runner. Das Arsenal, das die halbe Garage in Beschlag genommen hatte, war bereits vor Jahren entfernt worden, um Platz für ein zweites Fahrzeug zu schaffen. Außerdem unternahmen wir kaum noch gefährliche Missionen. Donovan, Gregor, Michael und ich hatten im Verlauf der Jahre durch riskante Aufträge genug Geld angehäuft, dass wir unser Leben mittlerweile nicht mehr aufs Spiel setzen mussten. Abgesehen davon wollte niemand von uns die Familie in Gefahr bringen, da wir inzwischen vier Kinder zu Hause hatten. Durch den kolumbianischen Dschungel zu schleichen, war schön und gut gewesen, als wir alle jünger waren. Aber eine vierfache Mutter musste sich um wichtigere Dinge kümmern.
Allerdings bewahrte Gregor beim Schießstand immer noch einen kleinen Vorrat an Waffen auf, nur für alle Fälle. Alte Gewohnheiten legte man schwer ab.
Wir fuhren in die Innenstadt von Richmond zum Wohltätigkeitsball der Veterans for Mental Health. Die Stiftung war im letzten Jahrzehnt gewaltig gewachsen. Und obwohl niemand wusste, dass wir sie gegründet hatten, traten wir als die öffentlichen Gesichter des Vorstands auf. 
Wir rollten zum Parkservice vor dem Kongresszentrum. Ich hängte mich bei Donovan ein und ließ mich von ihm hineinführen. Die Veranstaltung fand in einem großen Saal statt. Auf einer Seite hatte man eine Bühne errichtet, an den Seitenwänden Bars und Stationen mit Appetithäppchen. Was mich irgendwie an das Kongresszentrum in Boston erinnerte, wo wir uns vor all den Jahren auf der Defcon East kennengelernt hatten. So, wie Donovan lächelte, dachte er wohl auch gerade daran.
»Da sind Gregor und Michael«, sagte er. Sie befanden sich auf der gegenüberliegenden Seite des Saals neben der Bühne und unterhielten sich mit Yvonne, die Organisatorin und Moderatorin der Gala. Michael drehte sich um und lächelte mich an, als hätte er den Moment bemerkt, in dem ich eingetreten war. Ich grinste selbst wie ein verliebtes Schulmädchen vor mich hin.
Auf dem Weg zu ihnen mussten wir uns zwischen den runden, im Saal verteilten Tischen hindurchschlängeln. Auf jedem Tisch befand sich ein Gegenstand, der an diesem Abend versteigert werden sollte. Die Bandbreite war groß – signierte Fanartikel verschiedener Sportarten, Erlebnisse wie Rafting oder Fallschirmspringen, militärische Erbstücke, bei denen sich Sammler regelrechte Bieterkriege lieferten. Dienstleistungen von Unternehmen aus der Gegend.
Tatsächlich kamen wir an einem Tisch vorbei, der eine kostenlose Beratung eines Netzwerksicherheitsunternehmens beherbergte. »Juliana!«, rief eine alte, vertraute Stimme.
Mein Lächeln wurde breiter, als ich den Sprecher erblickte. »Mr. Pendleton! Sie sind gekommen!«
Er umarmte mich innig und grinste mich mit demselben stolzen Großvaterblick an wie schon früher immer. »Das hätte ich mir um nichts auf der Welt entgehen lassen! Außerdem war ich sowieso gerade an der Ostküste. Du siehst blendend aus! Wie geht’s den Kindern?«
»Sind gerade schwierig«, antwortete ich mit einem Seufzen, das alle Eltern verstanden. »Brandi ist dreizehn und lässt es alle merken. Inzwischen verstehe ich so viel besser, was meine Eltern mit mir in dem Alter durchgemacht haben.«
»Durch die Herausforderung ist es nur umso erfüllender«, erwiderte er. 
Donovan umarmte ihn als Nächster. »Wie viele Enkelkinder haben Sie inzwischen?«
Mr. Pendleton musste kurz überlegen, bevor er antwortete. »Fünfzehn. Alexandria hat im Mai ihr viertes Kind bekommen.« 
Donovan stieß bei der Zahl einen leisen Pfiff aus.
Die Lichter wurden gedimmt, und Yvonne betrat die Bühne. »Es scheint loszugehen«, merkte Mr. Pendleton an. »Wir unterhalten uns später weiter. Ich hab ein Auge auf einen dieser signierten Fußbälle geworfen ...«
Yvonne begrüßte das Publikum zur fünften jährlichen Spendenaktion der Veterans for Mental Health. Ich staunte über den Applaus – ein größeres Publikum hatten wir noch nie zuvor gehabt! Wir würden an diesem Abend eine Menge Geld zusammenbekommen. Geld, das einem guten Zweck zugeführt werden würde.
»Nun denn, beginnen wir mit der Auktion!«, verkündete Yvonne. »Unser erstes Posten ist ein Inlandsflug in einem Privatjet.« 
Ein offensichtlich Angetrunkener rief lauthals »YO!« und stürmte auf die Bühne. Yvonne schaute verdutzt drein, als Ernest ihr das Mikrofon abnahm. »Das mache ich. Was geht, Leute? Amüsiert ihr euch alle? Also, nicht schüchtern sein, lasst mich die Gebote hören!«
Donovan und ich erreichten den Tisch, an dem Michael und Gregor standen. »Wie viele Drinks hatte er schon?«, fragte ich.
Gregor küsste mich auf die Wange. Ihn im Smoking zu sehen, war wie der Anblick eines Deutschen Schäferhunds auf einem Fahrrad. »Du kennst ja Ernest. Er hatte schon einen in der Krone, als er angekommen ist.«
»Anders würden wir ihn nicht haben wollen«, sagte ich und beobachtete, wie unser betrunkener Pilot in einem potthässlichen blauen Anzug über die Bühne schlenderte. 
»Ich erzähl euch mal ’n bisschen was über den angebotenen Posten«, sagte er und zeigte auf die Menge. »Hier geht’s um keinen stinknormalen Flug in ’nem Privatjet. Weit gefehlt. Wenn wir in der Luft sind, könnt ihr ins Cockpit kommen und rumalbern. Wir legen Sturzflüge, Fassrollen, Loopings und was weiß ich noch alles hin. Nur, äh, erzählt der Flugsicherheit nichts davon. Die halten nichts von lustigem Kram. Würde dem alten Ernest ’ne Menge Ärger einbringen, klar, was ich meine, amigos? Aber zum Punkt – wer bietet? Euer Zaster dient ’nem guten Zweck, und ihr kriegt jede Menge Spaß mit dem alten Ernest.« 
Das Publikum zeigte sich begeistert von seinem Auftritt, und die Gebote wurden nur so abgefeuert. Als Ernest schließlich triumphierend ins Mikrofon brüllte, lag das Höchstgebot bei 12.250 Dollar.
»Scheiße«, sagte Gregor.
»Was?«
»Nichts«, murmelte er.
Ich schob mich an ihm vorbei und gab Michael einen Kuss auf die Wange. Der Israeli trug denselben elfenbeinfarbenen Smoking wie immer zu solchen Anlässen. Er betonte sein dunkles Haar und seine Gesichtszüge.
»Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du wie ein israelischer James Bond aussiehst?«, fragte ich.
Er verstand die Anspielung. Dasselbe hatte ich vor all den Jahren in der Schweiz zu ihm gesagt. »Manischewitz und Soda. Geschüttelt, nicht gerührt.«
Wir grinsten uns gegenseitig an.
»Das Kleid hab ich lang nicht mehr gesehen«, meinte er. »Du siehst umwerfend darin aus.«
Ich neigte verlegen den Kopf und wurde bei dem Kompliment rot. Gregor musterte mich wie üblich mit einem hungrigen Blick. 
Die Gebote endeten, und Ernest schlug mit dem Holzhammer aufs Podium, bevor er Yvonne das Mikrofon zurückgab und von der Bühne sprang. Er joggte durchs Publikum und klatschte unterwegs mit den Leuten ab wie ein Sektenführer, der seine Anhänger begrüßt. Als er uns erreichte, streckte er Gregor die Hand entgegen.
»Her mit der Kohle, hombre.«
Gregor schürzte die Lippen. »Du hast geschummelt.«
»Bro, spar dir das«, erwiderte Ernest. »Du hast mit mir gewettet, dass die Gebote nicht über 10.000 Dollar steigen würden. Wir haben nie festgelegt, dass ich nicht auf die Bühne darf, um den Leuten mehr aus den Portemonnaies zu leiern. Her mit der Kohle!«
Gregor grummelte noch ein wenig, aber er kramte einen Hunderter aus der Hosentasche und klatschte ihn in Ernests wartende Hand. Erst danach wandte sich unser Pilot mir zu.
»Mädel«, sagte er mit seinem breiigen Akzent, »du siehst feiner aus als der Sand in ’ner Sanduhr. Und Sanduhr trifft’s total.« Er deutete mit den Händen meine Formen an, dann küsste er seine Fingerspitzen.
Ich umarmte ihn innig. »Danke, Ernest. Und danke auch, dass du die Menge angeheizt hast. Manche von uns wissen durchaus zu schätzen, wie du dich reingekniet hast, um so viel wie möglich herauszuschlagen.« Ich unterstrich die Bemerkung mit einem Blick zu Gregor.
»Gern doch, amiga. Für euch tu ich doch alles.« Sein Kopf schnellte zurück zur Bühne herum. Yvonne kündigte gerade das letzte Gebot für den nächsten Posten an – ein signiertes Baseballtrikot von Mike Trout, dem aktuellen Centerfielder der Nationals. »Moment! Wartet mal kurz!«
Wir vier lachten leise, als Ernest zurück auf die Bühne rannte und sich erneut das Mikrofon von Yvonne schnappte. 
»Leute, ihr könnt das Trikot doch nicht für schlappe 500 Kröten weggehen lassen!« Sein mürrischer Blick wanderte suchend über das Publikum. »Ihr wisst doch, dass wir alle für ’nen guten Zweck hier sind, oder? Also seid nicht knausrig!« 
»600 Dollar«, rief jemand.
Ein weiteres Gebotsschild wurde gehoben. »1.000 Dollar!« 
»Na also, geht doch!«, rief Ernest.
Donovan reichte mir ein Glas Champagner und lächelte. »Ohne ihn wär’s nicht dasselbe.«
Der Rest der Auktion verlief genauso unterhaltsam wie der Beginn. Den Großteil moderierte Yvonne, doch gelegentlich wurde sie vom zunehmend forscheren Ernest unterbrochen – immer dann, wenn ein Posten für weniger verkauft werden sollte, als er seiner Meinung nach wert war. Unser Pilot wurde zum Hit des Abends. Gegen Ende forderte das Publikum selbst Ernest auf, die Bühne zu erklimmen und die Gebote für bestimmte Posten höher zu treiben. Und jedes Mal, wenn er mit seiner charmant-unflätigen Art zur Tat schritt, tobte der Saal vor Gelächter.
Die großen Posten kamen zuletzt an die Reihe, danach hatten wir die endgültige Summe. Die Gala für die Veterans for Mental Health hatte insgesamt 710.500 Dollar eingebracht. Yvonne verkündete die Summe, und die mittlerweile von den kostenlosen Getränken angeheiterten Gäste spendeten tosenden Applaus.
Als sie sich wieder beruhigten, ließ Yvonne den Blick durch den Saal wandern. »Wie wär’s mit ein paar Worten von jemandem vom Vorstand?« Sie kniff die Augen zusammen und hielt in der Düsternis nach uns Ausschau.
»Geh du rauf, Jules«, forderte Donovan mich auf.
»Warum ich?«
»Du bist viel hübscher als wir drei«, sagte Michael.
»Geh mit deinem Kleid protzen, Kleine!« Gregor versetzte mir einen leichten Schubs. »Hier ist sie! Hier ist Juliana!«
Ein Spot erfasste mich. Prompt jubelten die Anwesenden, also gab es kein Zurück mehr. Ich betrat die Bühne, so schnell ich es in meinen Stöckelschuhen konnte, während der Applaus anhielt. Yvonne reichte mir das Mikrofon.
Ich nahm mir einen Moment, um den Blick über das Meer der lächelnden, erwartungsvollen Gesichter wandern zu lassen. Dabei verspürte ich dieselbe Nervosität wie vor zehn Jahren bei meiner ersten – und einzigen – Präsentation auf der Defcon East. 
»Ich danke allen, die heute Abend hergekommen sind«, begann ich. Meine Stimme hallte durch die Lautsprecher in dem riesigen Saal wider. »Ich bin Juliana Ellersby ...«
Irgendwo in der Menge rief Ernest: »YO, JULIANA, YO!«
»... und ich bin nicht nur Mitglied im Vorstand von Veterans for Mental Health. Früher habe ich zu den Patienten gehört. Ich war bei der Army. Und obwohl ich das Glück hatte, nie in einen Kampfeinsatz erleben zu müssen, hatte ich mit traumatischem Stress zu kämpfen, der mein Leben beeinträchtigt hat. Das ist eine der Tücken posttraumatischer Belastungsstörungen – sie können sich auf verschiedenste Weise auswirken. Nicht nur auf den Soldaten, der die Beine durch eine Sprengfalle verloren hat. Oder auf den Sanitäter, der mit ansehen musste, wie ein Freund am Straßenrand verblutet ist. Auch ihre Freunde und Angehörigen müssen damit umgehen. Wir reden hier von anhaltendem Kummer wegen einer Vielzahl von Traumata, egal ob im Kampfeinsatz oder abseits davon erlitten.«
Mein Blick heftete sich auf meine drei Lebensgefährten, die an der Seite standen. Donovan, das blonde Haar perfekt gekämmt und gegelt, darunter ein mächtiger, V-förmiger Oberkörper in einem schicken Smoking. Gregor mit seinem wissenden Lächeln und dem wachen Blick. Und der große, schlanke Michael mich der majestätischen Adlernase. 
Alle lächelten sie zu mir hoch. Meine drei Soldaten, meine Geliebten, die gemeinsamen Väter unserer Kinder. Mit ihren Blicken stärkten sie meinen Mut. 
Wie könnte eine Frau wegen irgendetwas nervös sein, wenn sie bei jedem Schritt drei solche Männer hinter sich hatte? 
»Ich verdanke den Veterans for Mental Health viel«, fuhr ich fort und wandte mich in Wahrheit an meine drei Lebensgefährten. »Ohne die unglaublichen, liebevollen und starken Menschen dort wäre ich nicht die Frau, die ich heute bin.« Ich schwenkte den Blick zurück zum Publikum. »Und ich bin überglücklich, dass Sie alle heute mitgeholfen haben, die Veterans for Mental Health für viele weitere Jahre zu finanzieren. Nochmals vielen Dank für Ihre überwältigende Großzügigkeit. Wir sehen uns nächstes Jahr wieder!«
Wieder wurde applaudiert, als ich die Bühne verließ, doch ich bekam es kaum mit. Meine Aufmerksamkeit galt meinen drei Männern, die klatschten und mich anlächelten, bevor sie mich zu einer Gruppenumarmung an sich zogen.
Musik begann, und in einer Ecke wurde eine Tanzfläche freigegeben. Wir genehmigten uns noch ein paar Drinks und amüsierten uns. Donovan verrenkte sich ähnlich albern auf der Tanzfläche wie damals im Hotel in Quito in der Nacht, bevor wir über Kolumbien abgesprungen waren. Ernest versuchte sich an Breakdance, was damit endete, dass seine Hose platzte, was die ohnehin bereits ausgelassene Menge grölend zum Lachen brachte. Ich tanzte mit allen möglichen Leuten, sogar eine Weile mit Ernest, bis wir verschwitzt und erschöpft waren.
Ich fand meine drei Männer an einem Tisch, wo sie eine Flasche Champagner herumreichten. Sie wirkten wie der harte Kern einer Hochzeitsgesellschaft. Die Krawatten hatten sie alle gelockert. Schweiß glänzte in ihren Haaren. 
»Fahren wir heim zu den Kindern«, schlug ich vor.
»Gern«, sagte Donovan und erhob sich mit einem Stöhnen. »Verflixt, ich bin nicht mehr so gelenkig wie früher.«
»Du? Gelenkig?« Gregor stimmte Gelächter an.
»Haben wir Eiscreme zu Hause?«, fragte Michael. »Ich hätte echt sehr gerne eine Schüssel Eiscreme.«
»Mit Schokogeschmack?«, fragte ich. »Also, ich würde mit Gregor glatt um einen weiteren Hunderter wetten, dass Brandi es aufgegessen hat.« 
Wir lachten zusammen, legten die Arme umeinander und bestellten uns einen Uber für die Fahrt nach Hause.